Erkrankungen der Speiseröhre/ Magen
Eosinophile Ösophagitis
Eosinophile Ösophagitis (EoE) – Aktuelle Leitlinien zu Diagnostik, Therapie und Management
1. Epidemiologie und Ätiologie
Die eosinophile Ösophagitis (EoE) ist eine chronische, immunvermittelte Erkrankung der Speiseröhre, die durch eine TH2-vermittelte Entzündungsreaktion charakterisiert ist. Inzidenz und Prävalenz sind in den letzten zwei Jahrzehnten signifikant angestiegen – teils aufgrund gestiegener Aufmerksamkeit, teils aufgrund einer echten Zunahme.
Aktuelle Zahlen für Europa (Deutsches Ärzteblatt 2025):
- Prävalenz: ca. 16,1 pro 100.000 Einwohner
- Inzidenz: ca. 1,7 pro 100.000 pro Jahr
- Männer sind 2- bis 3-mal häufiger betroffen als Frauen (53,8 vs. 20,1/100.000)
- Kinder und Jugendliche: ca. 27/100.000
Risikofaktoren und Assoziationen
- Positive Familienanamnese
- Atopische Erkrankungen (häufig):
- Asthma bronchiale (27–60 %)
- Allergische Rhinokonjunktivitis (57–70 %)
- Atopische Dermatitis (6–46 %)
- Zustand nach Ösophagusatresie (ca. 25 %)
Das typische Manifestationsalter liegt im Kindes- und jungen Erwachsenenalter (20–40 Jahre),
2. Klinische Symptomatik
Die Symptome der EoE sind altersabhängig:
| Altersgruppe | Leitsymptome |
|--------------|---------------|
| Kinder < 4 Jahre | Gedeihstörung, Fütterungsprobleme, Erbrechen |
| Kinder 4–11 Jahre | Regurgitation, abdominale Schmerzen, Erbrechen |
| Jugendliche & Erwachsene | Dysphagie, Bolusobstruktion, retrosternales Brennen (nicht säuretypisch) |
Wichtig für die Praxis: Retrosternales Brennen kann imponieren wie eine gastroösophageale Refluxkrankheit (GERD), spricht jedoch oft unzureichend auf Protonenpumpeninhibitoren (PPI) an – ein möglicher diagnostischer Hinweis .
3. Diagnostik
3.1 Endoskopische Befunde (EREFS-Score)
Die endoskopische Beurteilung sollte standardisiert erfolgen. Typische, jedoch nicht pathognomonische Befunde sind:
- Ringe (trachealisierende Ösophagus)
- Furchen (lineare Erosionen oder Rillen)
- Weiße Papeln (Eosinophilen-Mikroabszesse)
- Strikturen (meist im mittleren bis distalen Ösophagus)
- Verminderte Dehnbarkeit der Ösophaguswand
Der EREFS-Score (Eosinophilic Esophagitis Reference Score) ist ein validiertes Instrument zur standardisierten Befundung und wird in den aktuellen Leitlinien für das Monitoring empfohlen .
3.2 Histologische Diagnosekriterien
- Diagnostischer Grenzwert: > 15 Eosinophile pro High-Power-Field (HPF)
- Biopsieprotokoll: Mindestens 2–4, besser 5 Biopsien aus proximalem UND distalem Ösophagus (die Entzündung ist oft segmental verteilt)
- Ausschluss anderer Ursachen (z. B. GERD, eosinophile Gastroenteritis, parasitäre Infektionen, Vaskulitis)
3.3 Aktuelle Leitlinienänderung: Kein obligatorischer PPI-Trial mehr
Früher wurde ein PPI-Trial (1–2 Monate) zur Abgrenzung von der PPI-responsiven ösophagealen Eosinophilie (PPI-REE) gefordert. Aktuelle europäische und ESPGHAN-Leitlinien (2024/2025) haben diesen Schritt eliminiert: PPI gelten nun als Therapieoption, nicht als diagnostisches Kriterium. Die Diagnose EoE kann unabhängig vom PPI-Ansprechen gestellt werden .
4. Therapie
Die Behandlung der EoE ist multimodal und umfasst diätetische, medikamentöse und gegebenenfalls endoskopische Maßnahmen.
4.1 Diättherapie (Eliminationsdiäten)
Empfohlen wird ein schrittweises Vorgehen, meist in Absprache mit Allergologen:
- 1-Food-Elimination (1FED): Milch (häufigster Auslöser)
- 2-Food-Elimination (2FED): Milch und Weizen
- 4-Food-Elimination (4FED): Milch, Weizen, Ei, Hülsenfrüchte/Soja
- 6-Food-Elimination (6FED): Milch, Weizen, Ei, Soja, Nüsse/Fisch
Die 1FED wird zunehmend als pragmatischer erster Schritt empfohlen, die 6FED ist effektiver aber schwerer umsetzbar .
4.2 Medikamentöse Therapie
PPI:
- Standarddosis für 8 Wochen
- Bei unzureichendem Ansprechen: Dosis verdoppeln (z. B. 2× täglich)
- Langfristig niedrigste effektive Erhaltungsdosis
- Wirksamkeit ca. 30–50 %
Topische Kortikosteroide (First-Line nach aktuellen Leitlinien):
| Substanz | Dosierung (Erwachsene) | Dauer |
|-----------|------------------------|-------|
| Budesonid (Jorveza®) | 2 × 1 mg/Tag | 6 Wochen, bei Bedarf 12 Wochen |
| Fluticason-Spray (geschluckt) | 2 × 2 Hübe (220 µg/Sprühstoß) | 6–12 Wochen |
Anwendungshinweis: Nach Einnahme für 30 Minuten nichts essen oder trinken.
Biologikum (Dupilumab):
- Für refraktäre Verläufe zugelassen (FDA auch für Kinder > 1 Jahr)
- Wird in aktuellen Leitlinien als Zweit- oder Drittlinientherapie empfohlen .
4.3 Endoskopische Dilatation
- Indiziert bei symptomatischen Strikturen, die auf medikamentöse Therapie nicht ausreichend ansprechen
- Empfehlung: Nach Möglichkeit histologische Remission vor Dilatation anstreben
- Komplikationen: Perforationsrisiko (ca. 1–2 %)
5. Management und Verlaufskontrolle
Die EoE ist eine chronische Erkrankung – eine einmalige Therapie reicht nicht aus.
5.1 Monitoring
Die alleinige klinische Symptomkontrolle ist unzureichend (schlechte Korrelation mit histologischer Aktivität):
- First-Line-Monitoring: Endoskopie mit Biopsien 8–12 Wochen nach Therapiebeginn oder -umstellung
- Bei asymptomatischen Patienten in Erhaltungstherapie: Endoskopie alle 1–3 Jahre
- EREFS und PEESS (Pediatric Eosinophilic Esophagitis Symptom Score) als ergänzende Instrumente
5.2 Erhaltungstherapie
Nach Erreichen einer histologischen Remission (i. d. R. < 15 Eos/HPF) sollte eine Langzeittherapie erwogen werden:
- Niedrigdosiertes topisches Budesonid (z. B. 2 × 0,25 mg) über ≥ 12 Monate
- Oder Erhaltungsdiät (nach Remission können Nahrungsmittel schrittweise wieder eingeführt werden)
- Ziel: Vermeidung von Fibrosierung, Strikturbildung und Bolusobstruktionen
5.3 Ernährungsberatung
- Vor jeder Diättherapie ist eine qualifizierte Ernährungsberatung indiziert (Risiko von Mangelernährung, besonders bei Kindern)
- Regelmäßige Kontrolle von Gewicht, Wachstum (bei Kindern) und Nährstoffstatus
- Bei Erfolg einer Eliminationsdiät: Schrittweise Reintroduktion zur Identifikation der individuellen Trigger
6. Zusammenfassung für die Praxis
| Aspekt | Kernaussage |
|--------|--------------|
| Diagnose | > 15 Eos/HPF + Endoskopie + Ausschluss anderer Ursachen (kein obligater PPI-Trial mehr) |
| First-Line | Topisches Budesonid oder eliminationsdiät (1FED/4FED) |
| PPI | Wirksame Option, aber kein diagnostisches Kriterium mehr |
| Monitoring | Endoskopisch-histologische Kontrolle (nicht nur klinisch) |
| Erhaltung | Notwendig bei den meisten Patienten – Langzeit-Budesonid oder Erhaltungsdiät |
| Refraktär | Dupilumab oder Dilatation (nach histologischer Remission) |
Literatur
1. Hoerning A, Steiß JO, Madisch A, de Laffolie J. Eosinophilic esophagitis: Prevalence, diagnosis, and treatment in childhood and adulthood. Dtsch Arztebl Int 2025; 122: 195–202
2. Samanta A, Singh V, Chakraborty B, Ray G. Eosinophilic esophagitis in children: Clinical perspectives and evolving therapeutic strategies. World J Gastrointest Endosc 2026; 18(2)
3. de Bortoli N, Visaggi P, Penagini R, et al. The 1st EoETALY Consensus on the Diagnosis and Management of Eosinophilic Esophagitis – Current Treatment and Monitoring. Dig Liver Dis 2024;56(7):1173-1184
4. Çirkin G, Güler Y, Gülpinar Aydin Ö, et al. Integrating PEESS, EREFS, and endoscopic ultrasonography. Medicine 2025;104:32
(Vorherige Version aus 2020)
Eosinophile Ösophagitis
1. Inzidenz bis zu 9/100.000/Jahr, Prävalenz bis zu 55/100.000. Betroffen sind vor allem Kinder und jüngere Männer zwischen 20 und 30 Jahren, ( auch schon mal bis 40), familiäre Häufung ist bekannt, Korrelation mit Asthma und atopischer Dermatitis
2. Symptome sind Dysphagie, Hängenbleiben von Speisen, retrosternales Brennen und auch gelegentlich Oberbauchbeschwerden ( Abgrenzung zur eosinophilen Gastroenteritis). Bei Kindern stehen Gedeihstörungen, Erbrechen und Bauchschmerzen im Vordergrund.
3. Diagnose erfolgt endoskopisch, es zeigen sich Ringbildungen, Strikturen, weiße Papeln, Verdickung der Ösophaguswand mit furchenartigen Veränderungen; alle genannten Veränderungen sind allerdings nicht pathognomisch. Die Bestätigung erfolgt durch die Histologie ( mehr als 15 Eosinophile/ Gesichtsfeld) , am besten nach Vorbehandlung mit PPI für 1 bis 2 Monate. Mindestens 3 , besser 5 Biopsien, nicht nur aus dem distalen Ösophagus.
4. Therapie grundsätzlich durch Eliminationsdiät ( es werden 6 Nahrungsgruppen über 6 Wochen weggelassen) möglich, aber schwer umzusetzen , alternativ auch mit einer 4 fach Eliminationsdiät. Medikamentös mit Budesonid oral ( Jorveza 2 x 1mg/d), Behandlungsdauer 6 Wochen, bei nicht ausreichender Wirkung auch 12 Wochen, alternativ Fluticason- Spray, das geschluckt werden muss ( 2 mal 2 Hübe des 220 µg Spray), anschließend 30 Minuten nichts essen oder trinken. Evtl. Langzeit Prophylaxe erwägen ( Budesonid- Spray 2 x 0,25mg für 1 Jahr).
Literatur: , Uptodate-Artikel zur Symptomatik 2013 ,
Uptodate-Artikel zur Therapie 2013,
Langzeit-Studie über 5 Jahre 2019,
Übersicht 2019 Miehlke
EREFS Score ( Seite 10), Leitlinie 2017 Europa